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Fantôme Verlag

VERLAGSPROGRAMM  

Fantôme Vol. 66
Andreas Seltzer
Prima Vista. Über das Zeichnen


Seiten: 56
Broschur, Klammerheftung
Grösse: 24 x 16,5 cm
Texte deutsch: Andreas Seltzer
Zeichnungen: Andreas Seltzer

ISBN 978-3-940999-47-4
€ 16.-


Bestellung via Email / order@fantome.de

Die Zeichnungen von Andreas Seltzer sind Grotesken, die zwischen Karrikatur und schwarzem Humor, zwischen Schreckbild und magischem Zauber, zwischen Rückgriffen auf den Manierismus und karnevalesken Erfindungen wechseln. Den Grund dieser Arbeit bilden die Farben Schwarz, Rot und Weiß. Mit dieser reduzierten Farbwahl ist die Intension verbunden, durch Sparsamkeit der Mittel die Wirkung der Bilder zu erhöhen. Das Schwarz fungiert dabei als Arsenal, das alle möglichen Gewichtungen bereit hält um, - je nach Motiv – den Bildern Schwere oder auch skizzenhafte Leichtigkeit zu geben. Das Rot spielt hingegen die traditionelle Rolle des Aufmerksamkeit erheischenden Signals, das im Genre der Wimmelbilder Orientierung bietet. Das Weiß, zusammengesetzt aus umrißartigen, splitterhaften, akribisch erfassten Figurationen, zeigt Aufblicke, wie Durchblicke: vor dicht karierten Hintergründen werden diese Elemente zu Akteuren, die jene Bildteile zum Tanzen bringen.



Zeichnen, Tanzen

Aus der Sicht der Finger, die den Zeichenfüller halten, ist die Fläche, die es zu erobern gilt, ein riesiges, weißes Terrain voller Gefahren. Die Bewegung auf ihm ist ein Vorwärtsstreben, das längeres Verweilen sofort mit einschmelzenden dunklen Flecken verrätselt. Punkte und Striche bilden ein Team, das irgendwo am Horizont des Formats sein Ziel findet. Das Besondere an dieser Bewegung ist, dass sie dem Tanz ähnlicher ist als etwa das Wandern. Der Rhythmus der Kreis- und Halbkreisbildung, das Vor- und Zurückpendeln, die Sicherung der Seitenlinien, das Wiederholen und Variieren spontan entwickelter Bewegungsfiguren – all das zeigt fließende Lineamente, die nichts anderes sind als Kontrollelemente, die Zentimeter um Zentimeter die Trittsicherheit zu überprüfen suchen.

Zeichnen, Erinnern

In dem Maße, in dem das Zeichnen, das assoziative Zeichnen, Haupttätigkeit geworden ist, verlieren die Worte, verliert das Schreiben an Kraft. Vielleicht ist das eine Form des Gedächtnistrainings, das die Bildhaftigkeit der Dinge behält, aber, nun vertraut mit den metamorphotischen Eigenschaften und der Skepsis gegenüber den Festlegungen des Verbalen, die Namen und Begriffe vergisst. So könnte eine Variante der Demenz sich entwickeln: das Gespenst des Bildidioten, der lallend auf seine Zeichenkrakel weist und in Aphasie versinkt.

Trinken und Zeichnen

Manchmal kommt das Glas Wein am Abend in die Nähe des Tuscheglases. Dann gibt es die Versuchung, einen jener um Inspiration ringenden, von Abgabeterminen gefolterten Zeichner darzustellen, die Robert Crumb so häufig als Selbstporträts zeigt und die im letzten Verzweiflungsakt die Tinte in sich hineinschütten. Tinte ist da die fantasie-bringende Substanz, die alle inneren Organe imprägniert, Blut, Schweiß und Tränen einfärbt und den Körper in ein Zeichengerät verwandelt.
„Die Tinte ist mein natürliches Element. Schöne Flüssigkeit übrigens, diese dunkle Flüssigkeit. Und gefährlich! Wie man darin ertrinken kann! Und wie sie einen anzieht!“ (Gustave Flaubert, am 14. August 1853, zitiert aus: Jean Starobinski, Kleine Geschichte des Körpergefühls, Konstanz 1987.)

- Auszug aus Andreas Seltzer "Prima Vista", Fantôme Verlag, Berlin 2020


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english version:


Andreas Seltzer's drawings are grotesques that alternate between caricature and black humour, between horror and magic, between recourse to mannerism and carnivalesque inventions. The colours black, red and white form the basis of this work. This reduced choice of colours is connected with the intention to increase the effect of the pictures by sparing use of means. The black functions as an arsenal that provides all possible weightings to give the pictures - depending on the motif - weight or sketchy lightness. Red, on the other hand, plays the traditional role of the attention-getting signal, providing orientation in the genre of hidden object pictures. The white, composed of outline-like, splinter-like, precisely captured figurations, shows upward-looking views, as well as through views: against densely checked backgrounds, these elements become actors who make those parts of the picture dance.


Drawing, Dancing

From the perspective of the fingers holding the drawing pen, the area to be conquered is a vast white terrain full of potential risks. Moving the pen means striving forward while being aware that any lingering results in dark, puzzling spots. Dots and strokes form a team that finds its goal somewhere on the horizon of the playing field while challenging the format. The special thing about these movements is that they are more similar to dancing than, for example, walking is. The rhythm of drawing circles and semicircles, swinging back and forth, securing the sidelines, repeating and varying spontaneous moves and improvised patterns – all this results in flowing lineaments that are nothing but control elements, attempts to guarantee step by step, inch by inch the sure-footedness of the endeavor.

Drawing, Remembering

To the extent that drawing, associative drawing, has become the main activity, words lose their power, writing loses its force. Perhaps this activity is some form of memory training with the result that one remembers the visual aspects of things but – now familiar with their metamorphic nature and skeptical of the predeterminations of language – forgets names and terms. Thus, a new variant of dementia might appear: the specter of a babbling, picture-crazy idiot who points to his scribbles while sinking into aphasia.

Drinking and Drawing

In the evening, a glass of wine sometimes happens to be placed next to the inkpot. Then Then, the temptation arises to portray one of those cartoonists struggling for inspiration and tortured by deadlines – as depicted countless times by Robert Crumb, as a self-portrait – those artists who, in a final act of desperation, down the ink instead of a drink. This ink is an elixir of imagination that impregnates all internal organs, colors blood, sweat and tears, and transforms the whole body into a drawing instrument. "Ink is my natural element. A beautiful liquid, by the way, this dark liquid. And it is dangerous! You want to drown in it! It attracts you!" (Gustave Flaubert)

- Excerpt from: Andreas Seltzer - Prima Vista, Fantôme Verlag, Berlin

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